• 7. Okt

Was dich wirklich erschöpft, wenn du zwischen Alltag und Schreiben wechselst

Erschöpft, obwohl du nicht viel geschafft hast? Erfahre, warum häufiges Umschalten zwischen Alltag und Schreiben mehr auslaugt als die Aufgaben selbst.

Du hast gerade die Wäsche aufgehängt, öffnest dein Manuskript, um endlich zu schreiben und nach nur zwei Sätzen leuchtet dein Handy auf, weil eine Nachricht eingeht. Du beantwortest sie schnell und kehrst in deine Welt zurück. Um wieder reinzufinden, liest du den letzten Satz noch einmal, findest den Faden aber nicht wieder. Am Abend hast du weder dein Wortziel erreicht oder besonders viel erledigt. Trotzdem bist du erschöpft, als hättest du den ganzen Tag durchgearbeitet. Jede Aufgabe war für sich genommen nicht anstrengend. Trotzdem fühlt sich der Tag so an, als hätte er dich sämtliche Kraft gekostet.

Ein Tag voller kleiner Wechsel

Für viele Autorinnen sieht der Alltag nicht nach zusammenhängenden Schreibblöcken aus, sondern nach einem ständigen Springen zwischen Aufgaben: Job, Kinder, Haushalt, ein paar Zeilen am Manuskript dazwischen, dann wieder Alltag. Jede einzelne Aufgabe für sich betrachtet ist oft überschaubar. Trotzdem bleibt am Ende des Tages ein Gefühl von Leere, das sich nicht durch die Menge der Aufgaben erklären lässt. Der Verdacht liegt nahe, selbst nicht effizient genug gewesen zu sein oder zu wenig Belastbarkeit zu haben. Doch das greift zu kurz.

Was beim Wechsel wirklich passiert

Wenn du von einer Tätigkeit zur nächsten wechselst, folgt deine Aufmerksamkeit nicht sofort vollständig im gleichen Tempo. Ein Teil davon bleibt kurz bei der vorherigen Aufgabe hängen, bei dem Satz, den du gerade geschrieben hast oder bei dem Gedanken, den du nicht zu Ende gedacht hast. Dieser Rest an Aufmerksamkeit, der an der alten Aufgabe kleben bleibt, während du dich bereits der neuen widmest, kostet Energie ohne dass du es bewusst bemerkst. Er sorgt dafür, dass du bei der neuen Aufgabe nie mit voller Konzentration ankommst, sondern mit einem Teil deines Kopfes woanders bist. Je häufiger dieser Wechsel stattfindet, desto öfter entsteht dieser Energieverlust und er summiert sich über den Tag zu einer Erschöpfung, die schwer zu benennen ist, weil keine einzelne Aufgabe dafür verantwortlich zu sein scheint.

Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt, wenn eine Aufgabe unfertig verlassen wird. Wenn also mitten im Satz, mitten im Gedanken gewechselt werden muss. Ein abgeschlossener Gedanke lässt sich leichter loslassen als einer, der noch offen ist. Genau das macht kurze, unterbrochene Schreibmomente zwischen anderen Verpflichtungen besonders anfällig für diesen Effekt: Sie enden fast nie an einem natürlichen Punkt, sondern dort, wo der Alltag dazwischenfunkt.

Warum die Summe mehr wiegt als die Teile

Das erklärt, warum sich ein Tag mit vielen kurzen Unterbrechungen anstrengender anfühlt als ein Tag mit weniger, aber zusammenhängenden Aufgaben. Selbst wenn die reine Arbeitsmenge identisch ist. Nicht die Aufgaben selbst sind das Problem, sondern wie oft zwischen ihnen gewechselt wird. Das erklärt auch, warum der Wiedereinstieg ins Schreiben nach einer Unterbrechung sich so mühsam anfühlt: Es dauert einen Moment, bis die Aufmerksamkeit sich vollständig von der vorherigen Aufgabe löst und wieder bei der Geschichte ankommt. Dieser Moment kostet jedes Mal auf neue Kraft, auch wenn er kaum wahrnehmbar ist.

Das Gefühl der fehlenden Konzentration

Viele Autorinnen deuten die Schwierigkeit, sich nach einer Unterbrechung wieder in den Text hineinzufinden, als persönliches Konzentrationsproblem. Als hätten sie es verlernt, sich zu fokussieren. Tatsächlich handelt es sich meist nicht um eine geschwächte Konzentrationsfähigkeit, sondern um die ganz normale Zeit, die jedes Gehirn braucht, um sich von einer Aufmerksamkeitsspur zu lösen und eine neue aufzubauen. Diese Übergangszeit lässt sich verkürzen, aber nicht vollständig vermeiden - auch nicht mit noch so viel Disziplin.

Erholung gleicht diesen Effekt kaum aus

Ein naheliegender Gedanke wäre, dass sich diese Erschöpfung mit ausreichend Pausen zwischendurch auflösen lässt. Das stimmt nur teilweise. Eine kurze Pause hilft gegen körperliche Müdigkeit, sie hilft aber wenig gegen die Aufmerksamkeit, die noch an der vorherigen Aufgabe hängt. Denn dieser Rest an Aufmerksamkeit klärt sich nicht automatisch durch Nichtstun, sondern erst, wenn die vorherige Aufgabe innerlich als abgeschlossen empfunden wird. Genau das ist bei fragmentierten Schreibzeiten selten der Fall: Die Szene wird nicht zu Ende gedacht, sie wird unterbrochen. Eine Pause danach fühlt sich deshalb oft weniger erholsam an, als sie eigentlich sein könnte. Das erklärt auch, warum manche Autorinnen selbst an freien Tagen ohne konkrete Aufgaben ein diffuses Gefühl von Unruhe verspüren. Es sind nicht die anstehenden Aufgaben, die belasten, sondern die Vielzahl unfertiger Gedankenfäden aus der vergangenen Woche, die noch nicht bewusst abgeschlossen wurden.

Praxisbeispiel

Anna Autorin arbeitet vormittags in Teilzeit, holt mittags das Kind ab, kocht und findet erst am Nachmittag ein Zeitfenster für ihr Manuskript. In diesem Fenster wird sie zweimal unterbrochen: einmal durch eine Frage des Kindes, einmal durch eine berufliche Nachricht, die sie kurz beantwortet. Jedes Mal braucht sie ein paar Minuten, um wieder in die Szene hineinzufinden. Abends, beim Aufräumen der Küche, merkt sie, wie müde sie ist, müder als es die tatsächlich geschriebene Textmenge erklären würde. Sie hat nicht zu viel gearbeitet. Sie ist zu oft gewechselt.

Als sie beginnt, vor jeder Unterbrechung kurz zu notieren, wo sie steht, verändert sich ihr Gefühl am Abend spürbar. Die Aufgaben bleiben dieselben, die Unterbrechungen auch, aber die Übergänge fühlen sich weniger zerrissen an, weil jeder Wechsel einen klaren Haltepunkt hat.

Ein bewusster Übergang zwischen den Aufgaben

Du kannst die Wechselkosten nicht vollständig vermeiden, aber du kannst ihnen mit einem kleinen Übergangsritual begegnen. Bevor du eine Tätigkeit verlässt, egal ob das Schreiben, den Job, oder den Haushalt, halte für eine Minute inne und beantworte in Gedanken oder auf Papier eine einzige Frage: "Wo genau stehe ich gerade und was ist der nächst Schritt, sobald ich zurückkomme?"

Diese kurze Notiz gibt der vorherigen Aufgabe einen klaren Haltepunkt, sodass dein Kopf leichter loslassen kann, statt sie bewusst weiter mitzuführen. So reduzierst du, wie viel Aufmerksamkeit beim Wechsel an der alten Aufgabe hängen bleibt.

Was das für die Gestaltung deines Schreiballtags bedeutet

Diese Erkenntnis verschiebt den Blick auf die eigene Zeitplanung. Statt zu fragen, wie noch mehr Aufgaben in einen Tag passen, lohnt sich die Frage, wie sich die Zahl der Wechsel reduzieren lässt, etwa, indem ähnliche Aufgaben bewusst gebündelt werden, statt ständig zwischen Kategorien zu springen. Ein Zeitfenster, in dem ausschließlich Mails und organisatorische Dinge erledigt werden, gefolgt von einem Fenster, das ausschließlich dem Manuskript gehört, verursachen weniger Wechselkosten, als ein Alltag, in dem beides ständig ineinander übergeht. Das bedeutet nicht, dass Unterbrechungen vollständig vermieden werden müssen, das wäre gerade bei Job, Familie und Co unrealistisch. Aber schon eine bewusstere Bündelung an Stellen, an denen etwas Spielraum besteht, kann einen spürbaren Unterschied machen.


Erschöpfung entsteht nicht nur durch die Menge dessen, was du an einem Tag erledigst, sondern durch die Häufigkeit, mit der du zwischen Rollen und Aufgaben wechselst. Das zu verstehen, nimmt dir nicht die Unterbrechung selbst, aber es nimmt dir das Gefühl, an diesen Tagen versagt zu haben. Wenn du lernen möchtest, deinen Schreiballtag so zu gestalten, dass weniger Energie im Wechsel verloren geht, findest du in meinem Coaching-Bereich individuelle Unterstützung für deine Lebenssituation. Ich freue mich darauf, dir zu helfen.

Bis dahin alles Liebe,

Kirima von Libellenseele 💜

0 comments

Beitretenor login to leave a comment