- 29. Jul
Die häufigste Ursache für Längen im Manuskript ist nicht zu viel Text
Viele Autorinnen kennen dieses Feedback von Testlesern oder dem Lektorat: „Hier zieht es sich etwas.“ Besonders frustrierend wird es, wenn die betreffende Szene eigentlich wichtige Informationen enthält und trotzdem dazu führt, dass Leser das Buch eventuell aus der Hand legen. Immerhin passiert doch etwas. Die Figur denkt nach, ein Konflikt wird erklärt oder eine Beziehung vertieft.
Oft entsteht dann die Vermutung, die Szene sei einfach zu lang. Also wird gekürzt, gestrafft oder umformuliert. Doch nicht selten bleibt das Problem bestehen.
Tatsächlich haben Längen im Manuskript häufig weniger mit dem Umfang einer Passage zu tun als mit ihrer Entwicklung. Selbst kurze Szenen können sich zäh anfühlen, wenn sich emotional oder erzählerisch nichts verändert.
In diesem Blogpost schauen wir darauf, warum Szenen stagnieren, obwohl sie wichtige Informationen enthalten, und wie du beim Überarbeiten erkennst, ob einer Szene die notwendige Bewegung fehlt.
Warum sind manche Szenen einfach zäh?
Oft verbinden Autorinnen „Tempo“ zunächst mit Textmenge. Wenn Leserinnen eine Passage als langatmig empfinden, scheint die logische Schlussfolgerung zu sein, dass dort zu viel beschrieben, erklärt oder reflektiert wird.
In der Praxis zeigt sich jedoch oft etwas anderes: Leser erleben eine Szene vor allem als Abfolge von Veränderungen. Sie wollen spüren, dass sich etwas bewegt - in der Handlung, in der Wahrnehmung einer Figur oder in der Beziehung zwischen den Beteiligten.
Genau hier entsteht häufig das eigentliche Problem. Eine Szene kann technisch sauber geschrieben sein und dennoch stagnieren. Die Figur denkt über ein Problem nach, doch ihr Verständnis verändert sich nicht. Zwei Figuren sprechen miteinander, aber ihre Beziehung bleibt exakt dieselbe wie zu Beginn der Szene. Informationen werden vermittelt, ohne dass daraus eine neue Situation entsteht.
Leser verfolgen nicht nur Ereignisse, sondern emotionale Entwicklungen. Selbst ruhige Szenen wirken spannend, wenn sich Nähe, Vertrauen, Unsicherheit oder Konflikt verschieben. Fehlt diese Bewegung, entsteht schnell der Eindruck von Stillstand.
Im Lektorat zeigt sich deshalb häufig ein überraschendes Muster: Szenen, die als „zu lang“ empfunden werden, sind oft gar nicht umfangreich. Sie enthalten lediglich zu wenig Veränderung.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht: „Kann ich Text streichen?“ Sondern: „Was hat sich am Ende dieser Szene verändert?“
Die typischen "Fehler"
Viele Längen entstehen durch ähnliche Muster:
Information statt Entwicklung
→ Beispiel: Eine Figur denkt mehrere Absätze über ihre Situation nach, gewinnt aber keine neue Erkenntnisse.
Dialoge ohne Veränderung
→ Beispiel: Zwei Figuren sprechen über ihren Konflikt, doch am Ende stehen sie emotional genau dort, wo sie begonnen haben.
Szenen mit nur einer Funktion
→ Beispiel: Die Szene dient ausschließlich dazu, Hintergrundinformationen zu vermitteln, ohne die Handlung oder Beziehungen weiterzuentwickeln. Das nennt man Infodump. Hans-Peter Roentgen vergleicht Infodump in seinem Buch „Vier Seiten für ein Halleluja“ mit einer Qualle, die am Strand liegt. Sie ist da, hat aber keine Funktion und wirklich erwünscht ist sie auch nicht.
Diese Passagen sind oft nicht schlecht geschrieben. Sie erzeugen lediglich keine spürbare Bewegung für die Leserin.
Erste Hilfe
Wenn du Längen im Manuskript reduzieren möchtest, lohnt es sich, den Fokus von der Textmenge auf die Entwicklung innerhalb einer Szene zu verschieben.
1. Prüfe die Ausgangs- und Endsituation
Frag dich bei jeder Szene: Was ist am Ende anders als am Anfang?
Die Veränderung muss nicht groß sein. Schon eine neue Erkenntnis, ein verändertes Gefühl oder eine andere Entscheidung kann genügen.
2. Suche nach emotionaler Bewegung
Leserinnen bleiben engagiert, wenn sie Veränderungen im Inneren der Figuren miterleben.
Eine Szene kann ruhig sein und trotzdem Dynamik besitzen.
3. Gib Informationen eine Funktion
Informationen wirken selten langatmig, wenn sie gleichzeitig etwas verändern.
Statt Hintergrundwissen isoliert zu vermitteln, kann es Konflikte auslösen, Entscheidungen beeinflussen oder Beziehungen verändern.
4. Frage nach dem erzählerischen Gewinn
Jede Szene sollte einen Grund haben, im Manuskript zu stehen.
Wenn du eine Szene zusammenfasst und dabei keine Entwicklung benennen kannst, lohnt sich ein genauerer Blick auf ihre Funktion.
5. Überarbeite nicht nur auf Satzebene
Viele Autorinnen versuchen zunächst, Formulierungen zu straffen. Das kann hilfreich sein, löst aber nicht jedes Problem.
Wenn die eigentliche Ursache fehlende Entwicklung ist, braucht die Szene nicht weniger Worte, sondern mehr Bewegung.
So entstehen Texte, die nicht zwangsläufig kürzer sind, sich aber deutlich lebendiger lesen.
Fallbeispiel
Anna Autorin schreibt eine Szene, in der ihre Protagonistin über eine gescheiterte Beziehung nachdenkt. Die Gedanken sind nachvollziehbar, die Sprache stimmig. Trotzdem empfinden Testleser die Passage als zäh.
Bei der Überarbeitung fällt auf: Die Figur beginnt und beendet die Szene mit exakt derselben Sichtweise. Also ergänzt die Autorin einen Moment der Erkenntnis. Die Protagonistin versteht plötzlich, welchen Anteil sie selbst an dem Beziehungsende hatte.
Die Textlänge bleibt nahezu unverändert. Die Wirkung verändert sich jedoch deutlich, weil nun eine Entwicklung stattfindet.
Erste Schritte
Nimm dir eine Szene aus deinem aktuellen Manuskript vor, die sich beim Lesen etwas zäh anfühlt.
Stelle dir anschließend drei Fragen:
Wo steht der Protagonist am Anfang? Wie ist die Ausgangssituation?
Wo steht der Protagonist am Ende?
Welche Veränderung liegt dazwischen?
Kannst du die Veränderung klar benennen, ist die Szene auf einem guten Weg.
Fällt dir dagegen keine Entwicklung auf, lohnt es sich, weniger über Kürzungen und mehr über Bewegung nachzudenken.
Möchtest du deine Szenen gezielter überarbeiten und typische Längen im Manuskript erkennen? Ich helfe dir gern dabei! Schau dich im Bereich meiner textbasierten Dienstleistungen um und ich bin mir sicher, gemeinsam schaffen wir es, das Beste aus deinem Manuskript herauszuholen.
Bis dahin alles Liebe,
Kirima von Libellenseele 💜