• 16. Sep

Warum sich Perfektionismus beim Schreiben wie Sorgfalt anfühlt

Warum sich Perfektionismus beim Schreiben wie Sorgfalt anfühlt – und wie du erkennst, ob du deinen Text verbesserst oder nur vermeidest.

Du liest Kapitel drei zum siebten Mal. Ein Wort wird ausgetauscht, dann wieder zurückgetauscht. Ein Satz wird umgestellt, obwohl er beim ersten Lesen schon funktioniert hat. Du sagst dir, dass du gerade sorgfältig arbeitest, dass gute Texte eben Zeit brauchen. Gleichzeitig liegt Kapitel acht seit Wochen unangetastet da, weil du „erst noch die vorderen Kapitel in Ordnung bringen musst". Am Ende des Tages hast du viel gearbeitet und wenig erreicht.

Übrig bleibt ein leises Gefühl, dass etwas an dieser Sorgfalt nicht ganz stimmt, ohne dass du sagen könntest, was.

Die Tarnung, die Perfektionismus so wirksam macht

Perfektionismus ist unter den vermeidenden Verhaltensweisen ein Sonderfall, weil er sich nicht wie Vermeidung anfühlt. Prokrastination erkennt man häufig an sich selbst. Man weiß, dass man eigentlich etwas anderes tun sollte, und fühlt sich entsprechend schlecht dabei. Perfektionismus dagegen fühlt sich wie das Gegenteil an: wie Fleiß, wie hohe Ansprüche, wie Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem eigenen Text. Genau das macht ihn so schwer zu erkennen. Er trägt die Maske der Tugend, die man eigentlich anstreben soll, und wird deshalb selten hinterfragt, weder von der Autorin selbst noch von ihrem Umfeld, das die Sorgfalt oft sogar lobt.

Was Überarbeitung wirklich bewirkt - und was nicht

Es gibt einen Punkt, an dem eine weitere Überarbeitungsschleife einen Text tatsächlich verbessert: klarere Formulierungen, stimmigere Szenenübergänge, präzisere Wortwahl. Und es gibt einen Punkt danach, an dem weitere Schleifen kaum noch etwas verändern, aber trotzdem stattfinden. Der Unterschied zwischen beiden Phasen liegt selten im Text.

Er liegt in der Funktion, die die Überarbeitung für die Autorin gerade erfüllt: Dient sie noch der Textqualität, oder dient sie inzwischen vor allem der eigenen Beruhigung?

Vermeidung mit gutem Gewissen

Fortschritt in einem Schreibprojekt bedeutet immer auch, sich einem nächsten, unbekannten Schritt auszusetzen. Dem nächsten Kapitel, der nächsten Entscheidung über die Handlung, irgendwann der Einreichung bei einem Verlag oder Lektorat. Jeder dieser Schritte trägt ein Risiko: bewertet zu werden, zu scheitern, nicht gut genug zu sein.

Loszulassen.

Solange man an einem bereits geschriebenen Kapitel feilt, entsteht dieses Risiko nicht. Man bleibt in einem Bereich, den man kontrollieren kann, und vermeidet gleichzeitig den Bereich, den man nicht kontrollieren kann. Diese Art der Vermeidung fühlt sich nicht nach Rückzug an, sondern nach Fleiß, weil tatsächlich gearbeitet wird, nur eben an der falschen Stelle. Das macht sie so wirkungsvoll: Sie schützt vor dem Risiko des nächsten Schritts, ohne dass man sich selbst gegenüber eingestehen muss, dass man ausweicht. Man kann sich am Ende eines langen Arbeitstages sogar erschöpft und produktiv zugleich fühlen, obwohl objektiv kein einziger neuer Satz entstanden ist.

Der Selbstwert, der im Hintergrund mitschreibt

Hinter vielen perfektionistischen Schleifen liegt eine leise Gleichung: Wenn der Text fehlerfrei ist, kann ich nicht kritisiert werden. Diese Gleichung stimmt selten. Kein Text ist für jeden Leser fehlerfrei, aber es fühlt sich in dem Moment schützend an, in dem man an diesem Gedanken festhält.

Der eigene Wert wird unbewusst an die Makellosigkeit des Textes gekoppelt, und jede Unsicherheit über das eigene Können wird in noch eine weitere Korrekturrunde übersetzt. Je enger dieser Zusammenhang zwischen Textqualität und Selbstwert wird, desto schwerer fällt es, einen Text überhaupt als „fertig genug" zu akzeptieren, denn ein fertiger Text kann bewertet werden, ein Text in Überarbeitung nicht.

Warum gute Ratschläge oft ins Leere laufen

Genau hier scheitern viele Standardtipps gegen Perfektionismus. „Lass einfach mal fünf gerade sein" oder „Der erste Entwurf muss nicht perfekt sein" klingen einleuchtend, wirken aber kaum, solange die zugrunde liegende Selbstwertdynamik unberührt bleibt. Das Problem ist nämlich nicht, dass die Autorin nicht wüsste, dass Perfektion unrealistisch ist. Das Problem ist, dass eine weitere Überarbeitungsschleife sich im Moment sicherer anfühlt als der nächste, unsichere Schritt und dieses Gefühl von Sicherheit lässt sich nicht mit einem guten Ratschlag wegargumentieren, sondern nur mit echter Selbstbeobachtung auflösen.

Ein Beispiel

Anna Autorin arbeitet seit drei Wochen an denselben zwei Kapiteln ihres Manuskripts. Jede Version fühlt sich besser an als die vorherige, doch etwas stimmt nicht: Der Rest des Buches wartet unverändert. Als eine befreundete Autorin sie fragt, wann sie mit Kapitel zwölf weitermacht, merkt Anna Autorin zum ersten Mal, wie lange sie sich schon in denselben zwei Kapiteln „versteckt". Es ist kein Moment der Selbstkritik, sondern ein Moment des Erkennens. Am nächsten Abend öffnet sie zum ersten Mal seit Wochen ein neues Kapitel.

Eine ehrliche Unterscheidungsfrage

Ein hilfreicher Moment innerer Klarheit entsteht durch eine einzige, direkte Frage vor jeder weiteren Überarbeitung: Verbessere ich diesen Text gerade wirklich oder vermeide ich etwas, das danach kommt? Diese Frage verurteilt nicht. Sie macht sichtbar, was vorher unsichtbar war, und gibt die Entscheidung zurück in bewusste Hände statt in automatisiertes Verhalten.


Perfektionismus beim Schreiben fühlt sich selten nach Vermeidung an. Er fühlt sich nach Sorgfalt an, und genau darin liegt seine Wirkung. Wer lernt, echte Sorgfalt von selbstschützendem Kreisen zu unterscheiden, gewinnt nicht nur Zeit zurück, sondern auch ein ehrlicheres Verhältnis zur eigenen Arbeit.

Wenn du merkst, dass du dich in bestimmten Kapiteln immer wieder „festschreibst", schauen wir uns das gerne gemeinsam im Lektorat an, oft reicht ein Blick von außen, um zu erkennen, wo ein Text tatsächlich noch Arbeit braucht und wo nicht.

Alles Liebe,

Kirima von Libellenseele 💜

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