- 23. Sep
Schreibblockade oder Erschöpfung – warum die Verwechslung dir schadet
Du sitzt vor dem leeren Dokument, deine Finger liegen auf der Tastatur und … nichts kommt. Also machst du das, was du immer machst, wenn es nicht läuft: Du bleibst am Schreibtisch sitzen und starrst auf den blinkenden Cursor. Du blockst dir den nächsten Abend zusätzlich frei. Du liest einen Motivationsartikel, der dir sagt, dass Schreiben nun mal Disziplin verlangt. Am Ende des Abends hast du drei Sätze geschrieben, zwei davon wieder gelöscht, und fühlst dich leerer als vorher. Am nächsten Tag wiederholt sich die gleiche Prozedur, nur mit noch weniger Kraft. Was du in diesem Moment nicht wusstest: Vielleicht war es gar keine Blockade, gegen die du angekämpft hast. Vielleicht ist es Erschöpfung und die verlangt genau das Gegenteil von dem, was du ihr gegeben hast.
Zwei Zustände, ein Symptom
„Ich schreibe nicht" ist ein Satz, der für sehr unterschiedliche innere Zustände stehen kann. Manchmal bedeutet er: Der Kopf ist voll mit Ideen, aber sie finden keine Form - eine strukturelle oder kreative Blockade.
Manchmal bedeutet er etwas ganz anderes: Es ist einfach nichts mehr da, um überhaupt zu formen - eine körperlich-mentale Erschöpfung.
Von außen, und auch von innen, sehen beide Zustände fast identisch aus. Beide fühlen sich an wie Stillstand, beide gehen mit Selbstzweifeln einher, beide führen zu denselben quälenden Fragen am Ende des Tages. Beide Zustände schmerzen, da man nur Autorin ist, wenn man schreibt … oder?
Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Verhalten, sondern in dem, was dahinterliegt und genau deshalb wird er leider so häufig übersehen, sowohl von den Betroffenen selbst als auch in vielen gut gemeinten Ratgebern zum Thema Schreibblockaden.
Warum Energie und Kreativität unterschiedliche Ressourcen sind
Kreatives Arbeiten und mentale Energie hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe.
Kreativität braucht einen bestimmten Zustand von Offenheit. Raum, um Assoziationen zuzulassen, Umwege zu gehen, Dinge neu zu verknüpfen. Ein wenig vergleichbar mit einem Kind, das neugierig seine Umwelt entdeckt. Dieser Zustand lässt sich fördern: durch einen Tapetenwechsel, ein Gespräch, eine andere Herangehensweise an eine Szene.
Erschöpfung dagegen ist ein Ressourcenzustand: Der Körper hat weniger Ressourcen zur Verfügung, unabhängig davon, wie gut die Idee ist, an der man arbeitet, und unabhängig davon, wie motiviert man sich eigentlich fühlen möchte. Wenn der Tank eines Autos leer ist, ist er leer, gleichgültig, ob der Fahrer pünktlich zum Termin erscheinen muss.
Das bedeutet: Eine Blockade lässt sich mit anderen kreativen Zugängen lösen. Erschöpfung lässt sich nicht durch mehr Kreativitätstechnik oder noch härterer Disziplin lösen, sondern nur durch Erholung. Wird das verwechselt, wendet man die falsche Strategie auf das falsche Problem an und verstärkt dadurch häufig genau das Problem, das man eigentlich lösen wollte. Eine erschöpfte Autorin, die sich zu einem Kreativitäts-Workshop zwingt, verlässt ihn oft leerer, als sie hineingegangen ist.
Warum Disziplin bei Erschöpfung nicht hilft
Der Reflex vieler Autorinnen bei Stillstand ist derselbe: mehr Struktur, mehr feste Zeiten, mehr Selbstverpflichtung. Das ist bei einer echten Blockade oft sinnvoll, weil klare Rahmen helfen können, aus einem gedanklichen Kreisen herauszufinden. Bei Erschöpfung wirkt genau dieser Reflex wie ein zusätzlicher Belastungsfaktor. Der Körper signalisiert einen niedrigen Ressourcenstand, und die Reaktion darauf ist, noch mehr von dieser Ressource abzuverlangen. Das führt selten zu Fortschritt, sondern häufig zu weiterem Rückzug – und mit der Zeit zu dem Gefühl, grundsätzlich zu versagen, obwohl objektiv betrachtet nur die Erholung gefehlt hat, um wieder handlungsfähig zu sein.
Warum diese Verwechslung so hartnäckig ist
Ein Grund, warum diese Verwechslung so verbreitet ist, liegt in der Kultur rund ums Schreiben selbst. Disziplin gilt als die zentrale Tugend jeder Autorin, Durchhaltevermögen wird häufiger gelobt als Pausen. Wer erschöpft ist, hat deshalb selten das Gefühl, sich Erholung „verdient" zu haben, solange das Manuskript nicht fertig ist. Diese innere Haltung sorgt dafür, dass Erschöpfung so lange wie möglich wie eine Blockade behandelt wird, mit noch mehr Anstrengung, bis der Körper die Entscheidung irgendwann selbst erzwingt, oft in Form von Krankheit oder völligem Stillstand.
Ein Beispiel
Anna Autorin hat seit zwei Wochen keine Zeile geschrieben. Sie plant einen zusätzlichen Schreibmarathon am Wochenende, um „endlich aufzuholen". Als der Samstag kommt, sitzt sie vor dem Dokument und merkt, dass selbst das Lesen der letzten Seite anstrengend ist. Statt sich weiter zu zwingen, fragt sie sich zum ersten Mal ehrlich: Ist das eine Schreibblockade oder bin ich einfach leer? Die Antwort überrascht sie nicht wirklich. Sie schließt den Laptop und geht früh schlafen. Zwei Tage später, nach echter Erholung, schreibt sie ohne Anstrengung drei Seiten.
Was du verändern kannst
Ein hilfreicher Ansatzpunkt ist eine ehrliche Innenschau, bevor man sich zum Schreiben zwingt. Fühlt sich der Stillstand nach „Ich weiß nicht, wie" an, oder nach „Ich kann gerade nicht"? Ersteres deutet eher auf eine strukturelle oder kreative Herausforderung hin, die sich durch einen anderen Zugang lösen lässt. Zweiteres deutet auf einen Ressourcenmangel hin, der Erholung statt Anstrengung braucht.
Diese Unterscheidung ist keine exakte Wissenschaft, aber sie verändert die erste Reaktion: weg von automatischem Druck, hin zu einer bewussten Entscheidung, was der nächste Schritt wirklich sein sollte.
Nicht jeder Stillstand beim Schreiben ist dasselbe Problem und nicht jede Lösung passt auf jede Ursache. Wer lernt, zwischen Erschöpfung und Blockade zu unterscheiden, kann sich selbst die richtige Antwort geben, statt sich mit der falschen zusätzlich zu belasten. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstkenntnis.
Wenn du deinen eigenen Zustand künftig besser einordnen möchtest, findest du im Newsletter regelmäßig konkrete Impulse dazu, deine Kreativität zu erhalten und Freude am Schreiben zu empfinden.
Alles Liebe,
Kirima von Libellenseele 💜