- 26. Aug
Wenn Schreiben zur einzigen Quelle von Selbstwert wird
An manchen Tagen fließt jedes Wort wie von selbst. Die Figuren wirken lebendig, die Geschichte entwickelt sich fast mühelos weiter und als du den Laptop schließt, fühlst du dich leicht. Nicht nur, weil du geschrieben hast, sondern weil du das Gefühl hast, heute etwas richtig gemacht zu haben.
Ein paar Tage später sieht dasselbe Setting ganz anders aus.
Du liest denselben Absatz immer wieder. Kein Satz fühlt sich stimmig an. Nach einer Stunde schließt du das Dokument, ohne nennenswert vorangekommen zu sein. Plötzlich ist nicht nur der Schreibtag enttäuschend. Du selbst fühlst dich wie eine Enttäuschung.
Vielleicht schleicht sich der Gedanke ein, dass du einfach nicht gut genug bist. Dass andere Autorinnen talentierter sind. Dass du niemals dort ankommen wirst, wo du gern wärst.
Wenn ein schwieriger Schreibtag so tief trifft, geht es häufig um mehr als um das Manuskript.
Oft hat sich das Schreiben unbemerkt zu einer der wichtigsten Quellen für den eigenen Selbstwert entwickelt.
Warum Schreiben so eng mit unserer Identität verbunden sein kann
Für viele Autorinnen ist Schreiben weit mehr als ein Hobby oder Beruf.
Es ist Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Ein Ort, an dem Gedanken, Gefühle und Erfahrungen Gestalt annehmen. Geschichten entstehen nicht losgelöst von der Person, die sie schreibt.
Gerade deshalb fühlt sich Schreiben oft so bedeutsam an. Was wir erschaffen, trägt immer auch etwas von uns selbst in sich.
Diese enge Verbindung ist nicht problematisch. Im Gegenteil. Sie macht kreatives Arbeiten oft besonders erfüllend.
Schwierig wird es erst dann, wenn aus dieser Verbindung eine Abhängigkeit entsteht. Wenn das Schreiben nicht mehr nur etwas ist, das wir tun, sondern etwas, das darüber entscheidet, wer wir sind.
Wenn aus einer Schreibkrise eine persönliche Krise wird
Ein Roman kommt ins Stocken. Eine Absage trifft ein. Die Posts werden vom Algorithmus geschluckt. Die Überarbeitung zieht sich länger hin als geplant.
Solche Erfahrungen gehören zum Schreiben dazu.
Wenn der eigene Selbstwert jedoch eng an die Schreibleistung und das Marketing geknüpft sind, bleiben diese Ereignisse nicht auf der Sachebene.
Sie werden schnell persönlich.
Aus: "Mein Kapitel funktioniert noch nicht." wird: "Ich bin keine gute Autorin." Oder sogar: "Mit mir stimmt etwas nicht."
Zwischen diesen Gedanken liegen Welten und doch entsteht dieser Übergang oft so automatisch, dass wir ihn kaum bemerken.
Nicht das Manuskript wird bewertet, sondern der Mensch, der es geschrieben hat.
Warum unser Gehirn diese Verbindung so leicht herstellt
Menschen entwickeln ihren Selbstwert aus vielen verschiedenen Bereichen ihres Lebens.
Aus Beziehungen. Aus Freundschaften. Aus Familie. Aus beruflichen Erfahrungen. Aus Hobbys. Aus dem Gefühl, einen Beitrag zu leisten – und vielem mehr. Je vielfältiger diese Quellen sind, desto stabiler bleibt der Selbstwert auch dann, wenn ein Bereich einmal schwierig wird.
Bei vielen Autorinnen nimmt das Schreiben jedoch einen großen Raum im Leben ein, weil es oft die Art und Weise ist, wie Autorinnen ihr Leben begreifen und Erlebnisse verarbeiten. Es verbindet Kreativität, Leidenschaft, Berufung und persönliche Ziele.
Dadurch kann unbemerkt der Eindruck entstehen, dass Erfolg oder Misserfolg beim Schreiben gleichzeitig etwas über den eigenen Wert aussagen.
Psychologisch betrachtet ist das verständlich, aber es macht auch sehr fragil und verletzlich. Kreatives Arbeiten verläuft nämlich selten geradlinig.
Warum dieser innere Druck das Schreiben oft noch schwerer macht
Wenn jeder Schreibtag gleichzeitig über den eigenen Selbstwert entscheidet, verändert sich das Schreiben grundlegend. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, eine Geschichte zu erzählen.
Jeder Satz wird zu einem kleinen Test. Jede Überarbeitung zu einem Beweis. Jede Pause wirkt wie ein persönliches Versagen. Jede Absage ist die selbsterfüllende Prophezeiung, dass man es „sowieso nie schaffen wird“.
Dieser innere Druck führt häufig dazu, dass Kreativität immer schwerer zugänglich wird, nicht weil das Talent verschwunden wäre, sondern weil das Gehirn unter ständiger Bewertung arbeitet.
Kreativität braucht Spielraum.
Selbstwertabhängigkeit erzeugt dagegen Anspannung.
Beides lässt sich nur schwer gleichzeitig aufrechterhalten.
Eine kleine Szene aus dem Autorenalltag
Anna Autorin nimmt sich vor, an diesem Wochenende ihr neues Kapitel zu schreiben. Doch am Samstag scheint einfach nichts zu funktionieren, jedes Wort fühlt sich wie ein zäher Kampf an. Nach einer Stunde klappt sie frustriert den Laptop zu.
Den restlichen Tag begleitet sie ein unangenehmes Gefühl.
Sie sagt ein Treffen mit Freunden ab, nicht, weil sie weiterarbeiten möchte. Eher, weil sie sich schämt, obwohl objektiv nichts Besonderes passiert ist.
Sie hatte einfach einen schwierigen Schreibtag.
Erst später wird ihr bewusst, dass sie diesen Tag nicht als kreative Herausforderung erlebt hat.
Sondern als Urteil über sich selbst.
Schreiben darf wichtig sein – aber nicht alles tragen müssen
Vielleicht erkennst du dich in manchen dieser Gedanken wieder. Das bedeutet nicht, dass du deine Leidenschaft für das Schreiben aufgeben musst.
Im Gegenteil.
Schreiben darf einen wichtigen Platz in deinem Leben haben. Es darf dich erfüllen, berühren und stolz machen.
Doch es ist hilfreich, sich immer wieder bewusst zu machen: Dein Wert als Mensch verändert sich nicht dadurch, wie viele Wörter heute entstanden sind. Er hängt nicht von Buchverkäufen, Veröffentlichungen oder gelungenen Kapiteln ab. Und auch nicht davon, ob du dich gerade kreativ fühlst.
Deine Geschichten sind ein Ausdruck deiner Persönlichkeit.
Sie sind nicht ihr Maßstab.
Ein gesünderes Verhältnis zum Schreiben beginnt mit einer anderen Frage
Vielleicht fragst du dich nach einem schwierigen Schreibtag bisher automatisch: "Was stimmt heute nicht mit mir?"
Manchmal lohnt es sich, diese Frage zu verändern.
Zum Beispiel in: "Was war heute für mein Schreiben schwierig?" Oder: "Was brauche ich gerade, um wieder in Kontakt mit meiner Geschichte zu kommen?"
Diese kleine Verschiebung trennt den Menschen von seiner Leistung.
Und genau dort entsteht oft mehr Mitgefühl, sowohl für das eigene Schreiben als auch für sich selbst.
Du bist mehr als dein nächstes Kapitel
Schreiben wird wahrscheinlich immer ein wichtiger Teil deiner Identität bleiben. Das ist nichts, was verändert werden muss. Doch dein Wert beginnt nicht mit einem gelungenen Schreibtag. Und er endet auch nicht mit einer Schreibkrise. Vielleicht besteht langfristig die größte Entlastung nicht darin, nie wieder an dir zu zweifeln.
Sondern darin, zu erkennen, dass diese Zweifel keine verlässliche Aussage darüber sind, wer du als Mensch bist.
Wenn du dir einen Schreiballtag wünschst, der von Kreativität statt von Selbstbewertung geprägt ist, begleite ich dich gern in einem individuellen Coaching. Hier geht es nur um dich und deine Schmerzpunkte und darum, wie wir deine Kreativität in deinem Alltag besser schützen und stärken können.
Bis dahin alles Liebe,
Kirima von Libellenseele 💜